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Warum das Immunsystem gefährlich werden kann

Das Immunsystem schützt unseren Organismus vor unbekannten Erregern. Es kann sich aber auch gegen unseren eigenen Körper richten und bei schwerkranken COVID-19-Patienten die Lunge schädigen – mit lebensbedrohlichen Folgen.

Vor einer Infektion mit Viren aller Art schützt ein starkes Immunsystem, heißt es immer wieder. Viele wollen ihr Immunsystem im Kampf gegen Coronaviren schützen, indem sie es auf Touren bringen. Leider bringt eine Stärkung der körpereigenen Abwehrkräfte nicht unbedingt den gewünschten Erfolg. Denn die Antikörper, die ein starkes Immunsystem in großer Zahl produziert, sind zunächst nicht in der Lage, das neue Virus als Gefahr zu erkennen.

Hilfreiches Immunsystem zum Schutz vor Viren

Die erste Aufgabe des Immunsystems ist es, eine Infektion mit unbekannten Erregern zu verhindern. Diesen Job erledigen bestimmte Killerzellen. Sie sorgen dafür, dass Viren erst gar nicht in die Zellen des Organismus gelangen, um sich dort zu vermehren. Besondere Stärkung brauchen sie dazu nicht. Es reicht ein intaktes Immunsystem. „Wer dem Immunsystem bei der Arbeit helfen will, sollte auf eine ausgewogene Ernährung und genügend Schlaf achten“, erklärt der Immunologe und Tropenmediziner Professor Bernhard Fleischer von Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg. Auch regelmäßige Bewegung tut dem Immunsystem gut. Allgemein gilt: „Ein erschöpfter Körper ist anfälliger für jede Infektion.“

Gefährliches Immunsystem auf Intensivstationen 

Eine ganz andere Situation beobachten Klinikärzte auf Intensivstationen. Bei schweren Verläufen einer Corona-Infektion kann das sonst schützende Immunsystem gefährlich werden und sich gegen den eigenen Körper richten.* Solche fehlgeleiteten Reaktionen sind bekannt bei vielen Infektionen wie Mumps, Hepatitis A oder bei der Virusgrippe (Influenza). Auch bei Corona-Infektionen wurde sie beobachtet. Das Immunsystem verfehlt die Viren und richtet sich gegen körpereigene Gewebe, insbesondere die Lunge. Lebensgefährliche Lungenschäden bei COVID-19 entstehen sowohl durch die Viren, als auch durch eine fehlgeleitete Immunreaktion.

Bei kleinen Kindern tritt diese „überschießende Immunreaktion“ nicht oder zumindest äußerst selten auf. Wissenschaftler aus Singapur konnten in Kleinkindern viele Viren nachweisen. Ihr Immunsystem reagierte nur schwach. Dennoch beobachteten die Ärzte kaum Symptome und einen milden Verlauf der Krankheit. Sie folgern daraus, dass bei einem schweren Verlauf von COVID-19 eine starke Immunreaktion zum Krankheitsgeschehen beiträgt.

Auch eine Nachricht aus Bergamo passt in dieses Bild. Dort stellten Ärzte fest, dass Patienten, deren Immunsystem nach einer Organtransplantation durch Medikamente stark geschwächt war, keine schweren Symptome zeigten. Entgegen früheren Annahmen gehören demnach Organtransplantierte und andere Patienten mit geschwächter Immunabwehr anscheinend nicht zu den besonders gefährdeten Risikogruppen. Die Ärzte nehmen an: Das Virus kann sie zwar leicht infizieren, aber ihr Abwehrsystem ist zu schwach für die gefährliche Überreaktion.

Versuche, mit Steroiden das Abwehrsystem von COVID-19-Patienten gezielt zu hemmen, brachten jedoch nicht den erhofften Erfolg. Für die Ärzte auf den Intensivstationen ist es daher eine Gratwanderung. Ihre Patienten brauchen ein intaktes Immunsystem für ihren Kampf gegen das Virus. Gleichzeitig bedeutet ein fehlgeleitetes, überschießendes Immunsystem Lebensgefahr für die Patienten.

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