Viren durch Schwule und Transen?

Die Lebens- und Gesundheitssituation von bisexuellen Menschen wird selten in den Blick genommen, weil sie meist unter die Gruppen der lesbischen oder schwulen Menschen subsummiert wird. Die wenigen vorliegenden Befunde zu bisexuellen Menschen beziehen sich fast ausschließlich auf Frauen und Männer. Weitere geschlecht liche Verortungen wie beispielsweise nichtbinär oder queer werden nur sehr selten berücksichtigt. Bei bisexuellen Frauen gibt es weniger Hinweise auf sexuell übertragbare Infektionen als bei bisexuellen Männern. Allerdings wird die Häufigkeit solcher Infektionen in dieser Gruppe selten thematisiert. Bei Frauen, die Sex mit Frauen haben, gibt es Hinweise auf häufigere bakterielle Vaginosen [87]. Bezogen auf bisexuelle Männer zeigte ein US-amerikanischer Survey, dass bisexuelle Männer häufiger HIV-positiv (7,7 %) sind als heterosexuelle Männer (0,3 %), aber seltener als schwule Männer (17,4 %) [88]. Bezüglich weiterer sexuell übertragbarer Erkrankungen ergaben sich keine Unterschiede zwischen Männern mit schwuler oder bisexueller Identität [89]. Eine populationsbasierte Querschnittstudie aus den USA untersuchte die 12-Monats-Prävalenzen von Suchtmittelkonsum und -abhängigkeiten von Frauen und Männern. Bisexuelle Frauen neigten im Vergleich zu heterosexuellen Frauen häufiger zu starkem Alkoholkonsum (25,0 % vs. 8,4 %) sowie zu höheren Prävalenzen für den Konsum von Marihuana (22,2 % vs. 2,6 %), anderen Drogen (14,1 % vs. 3,1 %) sowie zu Alkoholabhängigkeit (15,6 % vs. 2,5 %) [75]. Weiterhin neigten bisexuelle Menschen, besonders Frauen, im Vergleich zu heterosexuellen sowie lesbischen und schwulen Menschen zu einem deutlich höheren Tabakkonsum [90]. Bisexuelle Männer wiesen im Vergleich zu heterosexuellen Männern nur eine geringfügig erhöhte Prävalenz beim starken Alkoholkonsum auf (16,4 % vs. 13,7 %). Erhöhte Prävalenzen bei bisexuellen Männern wurden allerdings für Alkoholabhängigkeit (19,5 % vs. 6,1 %), den Konsum von Marihuana (13,2 % vs. 6,2 %) und weiteren Drogen (17,7 % vs. 4,5 %) und der Abhängigkeit von diesen (5,1 % vs. 0,5 %) berichtet [75]. Sowohl in der Gesellschaft als auch in lesbischen, schwulen und queeren Communities (Infobox Annex) sind bisexuelle Menschen nicht immer selbstverständlich akzeptiert und werden entweder in ihrer sexuellen Orientierung nicht ernst genommen oder sind mit Vorurteilen konfrontiert [91]. Wie lesbische und schwule Menschen haben bisexuelle Menschen ein höheres Risiko für Suizidgedanken und Suizidversuche als heterosexuelle Personen [92]. Zudem zeigte ein Review, dass bisexuelle Menschen aber auch generell Menschen, die ihre sexuelle Orientierung hinterfragen („questioning“), im Vergleich mit lesbischen und schwulen Menschen häufiger zu selbstverletzendem Verhalten neigen [93]. Eine verstärkte Sichtbarkeit und gesellschaftliche Anerkennung könnte insbesondere für die psychische Gesundheit bisexueller Menschen förderlich sein.Durch das Engagement transgeschlechtlicher Menschen sind in den vergangenen Jahren vermehrt Schritte zu einer medizinischen Anerkennung zu verzeichnen . Dennoch prägen weiterhin die gesellschaftliche und medizinische Orientierung an einer zweigeschlechtlichen Norm die gesundheitliche Situation von transgeschlechtlichen Menschen [94]. Diskriminierungserfahrungen im alltäg lichen Leben und Barrieren auf dem Weg zur Geschlechtsangleichung und in der gesundheitlichen Versorgung im Allgemeinen (Kapitel 4.3) werden von vielen transgeschlechtlichen Menschen als belastend beschrieben und können zu Stress und einer schlechteren psychischen Gesundheit führen. Vor diesem Hintergrund weisen internationale Studien hohe Prävalenzen für depressive Erkrankungen von transgeschlechtlichen Menschen auf [4, 95]. Ergebnisse aus Neuseeland zeigen, dass junge transgeschlechtliche Menschen eine fast fünffach höhere 12-Monats-Prävalenz eines Suizidversuchs aufweisen als Personen, die in dem Geschlecht leben, dass ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde (weiblich/männlich) [96]. Ein Review internationaler Forschungsliteratur von 2016 stellte hohe Raten von nichtsuizidalem, selbstverletzendem Verhalten für transgeschlechtliche Personen fest (17 % – 42 %). Insbesondere für transgeschlechtliche Menschen, die sich nicht binär als weiblich oder männlich verstehen (z. B. questioning, nichtbinär, agender; Infobox Annex), wird ein hohes Risiko beschrieben [93]. Diese Zahlen weisen auf einen dringenden Bedarf gesellschaft licher Aufklärung bezüglich transgeschlechtlicher Menschen hin, um Diskriminierungen abzubauen und so die Selbstakzeptanz und psychische Gesundheit von transgeschlechtlichen Menschen zu fördern. Zur sexuellen Gesundheit von transgeschlechtlichen Menschen liegen für Deutschland derzeit kaum Daten vor. Internationale Studien zeigen, dass unter transgeschlechtlichen Personen die Prävalenz von HIV höher ist als in der Gesamtbevölkerung. So ergab eine Befragung transgeschlechtlicher Personen in den USA, dass 1,4 % der Teilnehmenden mit HIV lebten im Vergleich zu 0,3 % in der Gesamtbevölkerung [97]. Zusätzlich kannten 46 % der Teilnehmenden ihren HIV-Status nicht. Die HIV-Prävalenz bei US-amerikanischen, transgeschlechtlichen Frauen wird auf 14,1 % (95 %-KI 8,7 – 22,2) und bei transgeschlechtlichen Männern auf 3,2 % (95 %-KI 1,4 – 7,1) geschätzt [98]. Ein anderes systematisches Review schätzt die globale HIV-Prävalenz bei transgeschlechtlichen Frauen auf 19,1 % (95 %-KI 17,4 – 20,7) [99]. Es ist aber unklar, inwieweit die Ergebnisse dieser Studien auf Deutschland übertragbar sind. Weiterhin variieren die Angaben zur HIV-Prävalenz bei transgeschlechtlichen Menschen zwischen den einzelnen Studien stark. Dennoch wird aus den Zahlen deutlich, dass HIV für transgeschlechtliche Menschen ein wichtiges Gesundheitsthema sein kann. Das Gesundheitsverhalten von transgeschlechtlichen Menschen in Bezug auf körperliche Aktivität wird auch durch institutionelle Barrieren negativ beeinflusst. Da Bewegungsangebote meist an einer Zweigeschlechternorm ausgerichtet sind, ist der Zugang zu öffentlichen und privaten Einrichtungen wie Schwimmhallen und Sportvereinen für transgeschlechtliche Menschen oft erschwert. Weiterhin stellen befürchtete und erfahrene Diskriminierungen im organisierten Sport eine Barriere für gesundheitsförderliches Verhalten dar [100]. Teilweise bieten zivilgesellschaftliche Organisationen in Großstädten Bewegungsangebote für transgeschlechtliche und weitere geschlechtliche Minderheiten an, die nicht nur physisch, sondern durch ihren Austausch- und Vernetzungscharakter auch psychisch, gesundheitsförderlich wirken können.

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