In stille Helden und diejenigen investieren, die übersehen werden: Aufbau einer nachhaltigen bürgernahen Langzeitpflege im Zuge des COVID-19-Ausbruchs

In den vergangenen Monaten, seit die ersten Fälle gemeldet wurden, hat das WHO-Regionalbüro für Europa rund um die Uhr die Länder mit seiner Arbeit bei der Vorbereitung und Reaktion auf COVID-19 unterstützt. Im Rahmen dieser Unterstützung haben wir Teams in die Länder entsandt, um auch direkt vor Ort Hilfe und Beratung anzubieten. Eines dieser Länder war Spanien. Gestern erhielt ich einen Bericht über unsere zweite Mission in dieses Land, der auf einen ermutigenden Rückgang der neuen COVID-19-Fälle hindeutet. Eine größere Verfügbarkeit von Tests, der Ausbau der Kapazitäten in den Intensivstationen und die Ergreifung präventiver Maßnahmen zur Distanzhaltung haben dazu geführt, dass Spanien nun in der Lage ist, langsam die Beschränkungen zu lockern.

Jedes Anzeichen dafür, dass das Virus eingedämmt, kontrolliert und abgeschwächt wird, ist ein gutes Zeichen. Meine Botschaft am heutigen Tag ist jedoch nach wie vor von Vorsicht geprägt.

Sorglosigkeit könnte zum jetzigen Zeitpunkt unser schlimmster Feind sein. Wir können es uns nicht erlauben, zu glauben, dass wir sicher und geschützt sind. Alle Schritte hin zu einer Lockerung der Maßnahmen zur sozialen und physischen Distanzwahrung MÜSSEN sorgfältig abgewogen und DÜRFEN nur allmählich vollzogen werden.

Die Öffentlichkeit muss sich über die inhärenten Risiken im Klaren sein, wenn Regierungen verständlicherweise versuchen, den sich in der Gesellschaft aufbauenden und unsere Wirtschaft bedrohenden Druck abzulassen.

Dies ist jedoch kein Ausweg: Es gibt kein Schnellverfahren hin zu einer neuen Normalität. Die Frage ist nicht, ob es eine zweite Welle geben wird.

Die Frage ist, ob wir aus der bisher größten Lektion lernen, nämlich zwischen den Wellen auf die Stärkung unserer Handlungsbereitschaft und der Notfallkapazitäten für Worst-Case-Szenarien hinzuarbeiten. Eine Rückkehr zu einer neuen Normalität muss auf Grundlage einer Risikoabschätzung und sehr allmählich erfolgen und sollte dem Europäischen Rahmen der WHO für die Übergangsphase Rechnung tragen, der den Gesundheitsministern am letzten Freitag vorgestellt wurde.

Nahezu 50% der globalen durch COVID-19-Fälle bedingten Krankheitslast – über 1,2 Mio. Fälle – entfallen auf die Europäische Region. Traurigerweise haben bereits mehr als 110.000 Menschen ihr Leben verloren. Seit meiner letzten Berichterstattung vor sieben Tagen ist die Zahl der Neuerkrankungen um mehr als ein Viertel gestiegen, die Zahl der Todesfälle um ein Drittel.

Auch die Länder im östlichen Teil der Region (die Russische Föderation, die Türkei, die Ukraine, Usbekistan und Belarus) verzeichneten in der vergangenen Woche einen Anstieg der Neuerkrankungen. In der letzten Woche waren unsere Teams in Belarus unterwegs und in der nächsten Woche werden wir Missionen nach Tadschikistan und Turkmenistan entsenden.

Wir dürfen uns keine Illusionen machen: Wir befinden uns noch immer in turbulentem Fahrwasser und das wird auch noch eine Weile so bleiben.

Von den zehn Ländern, die weltweit in den letzten 24 Stunden die höchste Zahl an Neuerkrankungen verzeichneten, liegen sechs in der Europäischen Region.

Ich appelliere eindringlich an alle Länder, an den Strategien, von denen wir wissen, dass sie zur erfolgreichen Eindämmung dieses Virus beitragen – identifizieren, isolieren, testen, Kontaktpersonen ausfindig machen und unter Quarantäne stellen –, festzuhalten und gleichzeitig kontinuierlich die Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen zu überwachen.

COVID-19 in Einrichtungen für die Langzeitpflege

Ich möchte nun auf das zutiefst besorgniserregende Bild zu sprechen kommen, das sich uns in den letzten Wochen in Verbindung mit dem COVID-19-Ausbruch in Einrichtungen für die Langzeitpflege in der gesamten Europäischen Region und weltweit geboten hat.

Schätzungen aus Ländern der Europäischen Region zufolge entfielen bis zu 50% aller durch COVID-19 bedingten Todesfälle auf Bewohner von Langzeitpflege-Einrichtungen. Dies ist eine unvorstellbare Tragödie für die Menschheit. Mein Mitgefühl gilt all jenen, die einen derartigen Verlust zu beklagen haben.

Alle Menschen, die in Pflegeheimen an COVID-19 sterben, haben ein Recht darauf, bis zum Ende gepflegt und versorgt zu werden, auch in Form einer Symptomlinderung durch angemessene Medikamente, und von ihren Angehörigen umgeben zu sein.

Menschen mit einer körperlichen bzw. geistigen Behinderung, insbesondere im höheren Alter, sind besonders stark durch das Virus gefährdet. So zählen etwa ihr hohes Alter, mögliche Vorerkrankungen, kognitive Herausforderungen in Punkto Verständnis und Befolgung von Gesundheits- und Hygienehinweisen aufgrund geistiger Beeinträchtigungen oder von Demenz zu den Risikofaktoren, durch die sie besonders gefährdet sind.

Viele Menschen müssen derzeit auf Besuche von Freunden und Familie verzichten und erhalten dadurch auch nicht länger die emotionale und physische Unterstützung, die solche Besuche mit sich bringen. In manchen Fällen sehen sich Bewohner von Pflegeeinrichtungen durch Misshandlung und Vernachlässigung bedroht.

Doch gleichermaßen besorgniserregend ist auch die Tatsache, dass die Art, wie solche Pflegeeinrichtungen arbeiten und wie sich die Pflege der Bewohner gestaltet, dem Virus Wege zur Ausbreitung bietet. Die Rolle, welche die öffentliche Hand bei der Sicherstellung spielt, dass niemand zurückgelassen wird, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Auch unter den sehr Alten und Gebrechlichen, die unter zahlreichen chronischen Erkrankungen leiden, haben viele gute Chancen zu genesen, wenn sie gut gepflegt und versorgt werden.

Diese Pandemie hat jene Teile unserer Gesellschaft in den Vordergrund gerückt, die sonst übersehen und unterschätzt werden. In allen Teilen der Europäischen Region wird die Langzeitpflege oft notorisch vernachlässigt. So sollte es nicht sein. Mit Blick auf die Zukunft haben wir für den Übergang hin zu einer neuen Normalität ein klares Investitionsszenario vor Augen: der Aufbau integrierter, bürgernaher Systeme für die Langzeitpflege in jedem Land der Europäischen Region.

Von den Generationen vor uns haben wir die europäischen Rechte, Werte und Möglichkeiten geerbt, die uns alle ausmachen – und entsprechend sollten wir uns um diese Generationen kümmern. Es ist unsere Pflicht, niemanden zurückzulassen. Wir müssen Verantwortung übernehmen.

Was also müssen wir tun?

  1. Pflegepersonal stärken und befähigen.
  2. Die Art, wie Einrichtungen für die Langzeitpflege arbeiten, verändern.
  3. Systeme aufbauen, in denen die Bedürfnisse der Menschen an erster Stelle stehen.

Zu meinem ersten Punkt:

Die engagierten, teilnahmsvollen Menschen, die in Langzeitpflege-Einrichtungen arbeiten und oftmals überlastet, unterbezahlt und ungeschützt sind – sie sind die stillen Helden dieser Pandemie.

Wir müssen alles in unserer Macht stehende tun, um sicherzustellen, dass dieses Personal über persönliche Schutzausrüstung und andere unentbehrliche Güter verfügt, um sich selbst und jene, die sie pflegen und versorgen, zu schützen; um eine angemessene Vergütung für die langen Arbeitszeiten und die schwere Arbeit, die sie leisten, zu gewährleisten; und um sicherzustellen, dass sie entsprechend geschult werden, um ihre Tätigkeit auszuüben. In dieser Hinsicht verfügt die WHO über Ressourcen für Online-Schulungen und Orientierungshilfe, um die Länder zu unterstützen.

Wir müssen die Bedingungen, unter denen diese Pflegekräfte ihre Arbeit leisten, verändern und für angemessene Ressourcen und einen angemessenen Personalbestand sorgen.

Zu meinem zweiten Punkt: Es besteht eine sofortige und dringende Notwendigkeit, die Art, wie Langzeitpflege-Einrichtungen heute und in den kommenden Monaten arbeiten, zu überdenken und anzupassen. Das bedeutet, dass wir ein Gleichgewicht zwischen den Anforderungen der Bewohner und ihrer Familien herstellen, für eine sichere Erbringung der Leistungen sorgen und sicherstellen müssen, dass das Personal geschützt und gut unterstützt wird.

  • Erstellung umfassender Pläne zur Prävention und Bekämpfung von Infektionen;
  • vorrangige Durchführung von Tests bei jedem Verdachtsfall unter Bewohnern und Personal von Einrichtungen für die Langzeitpflege;
  • Bereitstellung von persönlicher Schutzausrüstung, Schulungen und unentbehrlichen medizinischen Gütern und Geräten an Pflegeheime;
  • Isolierung aller Krankheitsfälle, Einrichtung separater Stationen oder Räumlichkeiten für Bewohner mit COVID-19 noch bevor die ersten Fälle auftreten, und Sicherstellung, dass die Bewohner an Krankenhäuser überwiesen und sicher entlassen werden können.

Diese Maßnahmen werden dazu beitragen, die Ausbreitung des Virus zu unterbinden, und eine kontrollierte Wiedereröffnung dieser Heime für Familien und Besucher ermöglichen.

Und zu meinem dritten Punkt: Von jetzt an müssen hochwertige, gut ausgestattete, starke und nachhaltige Systeme für die Langzeitpflege, bei denen die Bedürfnisse und die Würde der Menschen im Vordergrund stehen, unser Goldstandard sein. Dafür bedarf es des Engagements der höchsten staatlichen Ebene und über alle Teile unserer Gesellschaft hinweg. Die Koordinierung und Kontinuität zwischen Gesundheits- und Sozialdiensten sowie über Informationssysteme hinweg muss verstärkt werden. Wir müssen Ärzte, Pflegekräfte, Apotheker, Sozialdienste und andere Gesundheitsfachkräfte, Pflegepersonal und vor allem die Bewohner von Pflegeheimen selbst zusammenbringen und in die Entscheidungsfindung und Pflege mit einbeziehen.

Wir können noch viel von einander lernen. Es bedarf eines Austauschs über relevante Erfahrungen auf allen Ebenen der Gesellschaft und gemeindenaher Ansätze für die Pflege. Die WHO steht bereit, um die Länder bei der Einrichtung integrierter, bürgernaher Systeme für die Langzeitpflege zu unterstützen.

Lassen Sie mich zum Abschluss noch einmal meinen Appell wiederholen: Wir müssen gemeinsam über verschiedene Ressorts und alle Teile der Gesellschaft hinweg handeln:

  1. jetzt, um für eine sichere und unterstützende Erbringung der Leistungen in Einrichtungen für die Langzeitpflege zu sorgen;
  2. in den kommenden Wochen und Monaten, damit Personal geschult und dazu befähigt wird, eine sichere und wirksame Pflege zu gewährleisten; und
  3. auf lange Sicht, um sicherzustellen, dass jeder Bewohner eines Pflegeheims eine Stimme hat und wertgeschätzt wird.

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